Das System kann mich mal

Ich bin es leid nach den Regeln zu spielen. Noch vor einem Jahr war ich felsenfest von diesem Satz überzeugt: „Wenn du das Spiel ändern möchtest, musst du erst nach seinen Regeln spielen und es gewinnen.“ Und ich habs versucht, ehrlich. Immer wieder bin ich Kompromisse eingegangen, die eigentlich gegen meine Überzeugung waren. Ich ging so weit, dass ich heute keinerlei mehr habe und nicht mehr weiß, wieso weshalb und warum ich überhaupt noch morgens aufstehe. Habe ich gewonnen? Natürlich nicht. Außer mir hat sich auch sonst nichts verändert.

Regeln geben uns Orientierung und gewissermaßen auch einen Leitfaden für unser Leben. Sie bestimmen was wir ungestraft tun dürfen und was nicht. Sich jedoch „nur“ an die Gesetze zu halten macht noch kein Leben aus. Aus diesem Grund werden wir sozialisiert, also an die Werte und Normen der Gesellschaft, in der wir leben, angepasst. Ich sage angepasst, weil ich als Kind der 90er definitiv noch so erzogen wurde, dass „aus mir etwas wird“. Sag danke und bitte. Sei nicht wütend. Das macht man so nicht. Damit kannst du doch kein Geld verdienen. Das gilt bestimmt nicht für alle, aber in meinem Umfeld so ziemlich für jeden. Früher galt die Prämisse stärker als heute, dass vernünftige Leute eben angepasst sind, nicht herausstechen und das machen, was man halt so macht. Zum Glück erlebe ich das heute anders.

Nichtsdestotrotz ist es wahnsinnig schwierig diese über Jahre eingeprügelten Normen und Werte wieder auszuspülen. Aber sie können doch nicht vollkommen falsch sein? Warum sonst waren meine Eltern so fest davon überzeugt, mir damit etwas Gutes zu tun? Aus diesem Grund gab ich ihnen eine Chance, sie sollten mal zeigen, ob sie für etwas zu gebrauchen sind. Spoiler Alert: sind sie nicht.

Wir schreien nach Toleranz und Offenheit und gleichzeitig sollen wir bloß nicht aus der Reihe tanzen. Ganz schön bescheuert, oder? Wieso unterscheiden wir bei den Themen, für die wir offen sind? Feminismus hat dazu geführt, dass so langsam Frauen als gleichberechtigt anerkannt werden. Die LGBTQ Community sorgt dafür, dass Gender und Sexualität kein Grund für Diskriminierung mehr sein sollen. Aber was ist mit Menschen, die sich die Haare bunt färben oder Piercings im Gesicht tragen, als Ausdruck ihres Geschmacks? Was ist mit den ruhigen Menschen, die immer benachteiligt sein werden, weil die Normen und Werte unserer westlichen Welt Ruhe mit Inkompetenz gleichsetzen? Versteht das bitte nicht falsch: Black Lives Matter, Feminismus etc. sind alles super wichtige Bewegungen, die an dieser Stelle auf gar keinen Fall kleingeredet werden sollen. Der Fokus meiner Gedanken liegt auf der Frage, wieso sich eine Gesellschaft immer nur für den Teil öffnen kann, der gerade thematisiert wird.

Aus diesem Grund habe ich keine Lust mehr nach den Regeln zu spielen. Diese Regeln, von denen ich spreche, wurden willkürlich gewählt. Lebensläufe und Anschreiben sollen den Personalern gefallen. Deine Online-Aktivitäten können sich negativ auf deine Karriere auswirken. Der Chef ist nunmal Chef, mach einfach was der sagt.

Fuck it.

Echt mal.

Ich bin gegen meinen Willen geboren worden und soll dann auch noch allen anderen gefallen, außer mir selbst? Nein danke. Bevor ich mich damit abfinde, dass ich einen 40h-Wochen Job machen muss, bei dem ich mich verbiege, finde ich mich eher damit ab, einfach rebellisch zu sein und ständig anzuecken. Zumindest versuche ich das jetzt. Anecken ist ja nicht in Ordnung, sagt mir meine Erziehung. Mal sehen wie lang es braucht, bis ich diesen Glaubenssatz extrahiert habe.  

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