4,5 Jahre – du bist ein Geist, der mich immer wieder heimsucht

Es war ein harmloses Gespräch über eine Verletzung an der Hand. Ein unvorsichtiger Handgriff, da war der Schnitt schon passiert. Meine Freundin lacht über diese Schusseligkeit. Ich habe einen Flashback. Eine Stunde später sitze ich heulend im Bad und bin überrascht, wie sehr du mich bis heute beeinflusst.

Erst letzte Nacht habe ich von dir geträumt. Du sahst aus, wie am Anfang unserer Beziehung. Ich spürte tiefe Trauer und starke Sehnsucht. Nach dem Anfang, als alles noch gut war. Dabei ging es in diesem Traum gar nicht um dich persönlich. Es geht um meine jetzige Beziehung. Ich habe Angst um sie. Ich habe Angst, weil die jetzige Situation unserer damaligen so verdammt ähnlich ist. „Vielleicht macht ein Umzug alles besser…“ Und wir wissen, dass es nicht so war.

Du bist immer noch hier, weil ich immer noch nicht mit dir fertig bin. Ich denke nicht mehr an dich und verkneife mir alles, aber wenn es passiert, dann reißt es mich aus der Bahn. Dabei dachte ich, dass ich wirklich gut dabei bin und meine Muster durchbrochen habe. Dass das ständige Reflektieren dazu geführt hat, dass mir niemals das passiert, was ich mir geschworen habe: Niemand wird jemals so unter mir leiden müssen, wie ich es unter dir tat. Doch ich habe das Gefühl, dass ich dieses Versprechen nicht halten konnte.

Vor zwei Jahren habe ich geschrieben, dass ich der Meinung war, du hättest die Messlatte zu hoch gesetzt. Jetzt weiß ich, dass du die untersten Grenzen; was noch in Ordnung ist und ok; nach unten verschoben hast. Was ist denn ein bisschen laut werden? Ich habe schlimmeres hinter mir. Einfach auflegen, abhauen und nicht mehr ans Telefon gehen? Klar, wieso nicht. Wenn ich Psychoterror überlebt habe, können das andere auch.

Zwar bin ich nicht mehr so depressiv wie damals, aber ich bin verbittert. Verbittert darüber, dass mir Dinge vergönnt sind. Dass ich durch Schwierigkeiten muss, die im Grunde unnötig sind. Was soll mir das sagen? Woran soll ich wachsen? Ich versuche, mir das zurückzuholen, was ich durch dich nicht machen konnte. Und wenn ich es erreicht habe, frisst mich die darauffolgende Leere auf. Du hast Löcher in meine Seele gerissen. Das erste Mal, als du mir die Augen öffnetest. Das zweite Mal, als du mir sie wieder vernebelt hast.

Mein Befreiungsschlag von dir läutete eine neue Zeit für mich ein. Ich war frei und erfand mich neu. Heute weiß ich mit diesem neuen Ich nichts mehr anzufangen. Der alte Schmerz, der damals alles bestimmte, ist weg. Ich konnte mir beweisen, dass ich leistungsfähig bin. Und nun? Durchlebe ich mit meiner Beziehung eine Krise aber der Schmerz kommt von dir. Weil ich durch dich Angst habe, wieder einen Fehler zu begehen. Weil ich mir mehr vertraue als meinem Partner. Weil ich einfach nicht mehr leiden will.

Natürlich ist es naiv von mir zu glauben, dass ich durch meine Vergangenheit bereits das schlimmste in meinem Leben hinter mir habe. Und dennoch möchte ich daran festhalten. Es kann nur besser werden ist mein Mantra und bisher funktioniert es wirklich gut. Aber das Schlechte einfach zu ignorieren ist keine Lösung. Witzig. Ich tue genau dies, was ich an meinem Vater kritisiert habe.

Es kotzt mich regelrecht an, dass immer noch maßgeblich zwei Personen über mein heutiges Leben bestimmen. Du und er, ihr habt mir so dermaßen weh getan, dass ich bis heute teils sichtbare Wunden davon trage, die ich vor mir selbst zu verstecken versuche. Weil eure Taten es nicht wert sind weiter erinnert zu werden. Und dennoch kann ich nicht davor weglaufen.

Zwei sichtbare Narben. Eine am Oberschenkel. Die andere an der rechten Hand. Die Erinnerungen an ihr Entstehen sind so schmerzhaft, dass ich sie permanent unterdrücke. Dabei sind sie nicht einmal groß oder besonders hässlich. Dich bin ich los aber sie werden mich immer begleiten. Und damit wirst du mich immer begleiten. Du bist der Geist, der mich immer heimsucht. Der mich daran erinnert, woher ich komme. Vielleicht ist das gar nicht so schlimm, wie ich mir heute einbilde. Dass ich noch hier bin bedeutet, dass ich stärker war als das, was mir angetan wurde.

Dennoch: ich kann mich dem nicht entreißen. Immer wieder greift es mich und zieht mich zurück. Egal wie weit ich nach vorne laufe.

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