Kannst Du einen Selbstmord verhindern?

Es ist der Abend meines Geburtstags. Mein Tag fing durch einen Kuss von meinem Freund an. Dann Kaffee mit leckerem Frühstück, ein erstes wunderschönes, liebevoll handgemachtes Geschenk. Video von Papa aus dem Ausland. Tränen. Es ist so schön geliebt zu werden – vielleicht kann ich ab heute endlich wieder meinen Geburtstag genießen.

Fahrt zur Uni, weil es sein muss, und dort Erfolg haben. Ich habe ein Ziel und es zu erreichen ist in greifbare Nähe gerückt. Alles läuft wie geplant, es ist ein toller Tag. Liebe Menschen denken an mich. Schön. Dauergrinsen im Gesicht.

Es ist der Abend meines Geburtstags. Ich liege im Bett und fühle mich plötzlich leer. Es ist nichts passiert. Warum das alles? Warum muss ich mich nach so einem schönen Tag jetzt so fühlen? Das macht doch keinen Sinn. Wenn selbst so ein Tag voller Freude und tollen Erfahrungen deine Stimmung nicht längerfristig heben kann, was dann?!

Was folgt ist Verzweiflung. Das Zweifeln daran, dass es jemals besser sein wird. Es geht mir nicht darum, dass ich schlechte Tage oder schlechte Zeiten habe und ich damit nicht zurechtkomme. Es geht darum, dass ich gute Tage habe, die nichts verändern. Dass ich alles habe, was ich jemals wollte, und trotzdem nicht glücklich sein kann. In meinem Herzen Leere herrscht, die durch nichts und wieder nichts gefüllt werden kann, egal wie viel ich reinfülle. Die Liebe zu mir selbst erlischt mit jedem Tag, an welchem ich mal wieder nicht glücklich bin, obwohl doch alles gut ist.

Mit psychischen Problemen leben müssen

Was ich und zahlreiche andere Menschen hier leisten müssen ist eine andauernde Arbeit an unseren Persönlichkeiten. Persönlichkeiten, die sich über Jahre gefestigt haben, die als neuronale Verknüpfungen in unseren Gehirnen existieren und eigentlich nicht mehr großartig verändert werden sollen. Jeder der schon einmal versucht hat eine schlechte Angewohnheit aufzugeben weiß wie schwierig es ist. Stellt dir vor, du müsstest so gut wie alles, was du bis dato vom Leben gelernt hast gegen etwas anderes austauschen. Deinen bisherigen ängstlichen, perfektionistischen, melancholischen, enttäuschten etc. Charakter hinter dir lassen und dich neu erfinden. Dass das Schwerstarbeit ist versteht sich von selbst. Nur zu gern argumentieren wir, dass wir eben so sind wie wir sind. Aber wir psychisch kranken müssen daran arbeiten. Obwohl wir überhaupt nichts dafürkönnen. Ob ich da Bock drauf hab? Nein.

Einmal…

Suizid ist hierbei oft die letzte Hoffnung. Wenn mir das alles zu viel wird, kann ich damit immer die Reißleine ziehen. Diese Selbstermächtigung gibt mir Kraft in Zeiten, in denen ich mich machtlos fühle. In den vergangenen 365 Tagen habe ich zweimal den Entschluss gefasst meinem Leben ein Ende zu bereiten. Beim ersten Mal war ich die ganze Zeit mit meinem Freund zusammen. Ich fühlte mich furchtbar und mit jeder Sekunde wuchs meine Verzweiflung darüber. Der Moment, in welchem ich beschloss mich umzubringen, löste die innere Leere in mir schlagartig auf. Ich vergoss Tränen, die sonst nicht mehr fließen wollten. Endlich fühlte ich etwas. Besserung. Hoffnung. Mein Freund bemerkte, dass etwas nicht mit mir stimmte, ich sagte nur, dass alles in Ordnung ist. Ich wollte es ihm nicht erzählen, aber seine Art zwang mich dazu. Letztlich war es seine Reaktion, die mich davon abhielt, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Zu sehen, wie sehr es ihn geschmerzt hat. Zu hören, wie sehr er mich braucht tat mir leid. Das wollte ich ihm nicht antun. Seitdem habe ich für ihn weitergelebt.

Zweimal…

Beim zweiten Mal war ich alleine Zuhause. Erneut unterlag ich mehreren Tagen in denen ich nichts fühlte, nichts wollte, nichts konnte. Dieses Mal war es noch schlimmer, weil es mir mittlerweile egal geworden ist, was mit mir passiert. Ich musste weiterleben, weil das von mir erwartet wurde. An jenem Tag war ich schrecklich müde. Dieses Versprechen, mich nicht umzubringen, machte mich rasend – ich beschloss, dass meine Liebsten schlecht von mir verlangen könnten etwas weiterzumachen, was ich nicht möchte. Erneut löste sich etwas in mir; dieses Mal konnte ich mein Vorhaben für mich behalten. Irgendwann legte ich mich schlafen. Nachdem ich aufwachte, fühlte ich mich anders. Fit und bereit. Selbstmord? Hmm, nee, vielleicht doch nicht heute.

Der Anlass zum Schreiben dieses Artikels ist der heutige Welttag der Suizidprävention, World Suicide Prevention Day – kurz WSPD. Dank Babsi von BlueSiren und ihrem Aufruf haben zahlreiche Blogger/innen und Youtuber/innen Erfahrungsberichte, Tipps, Rezensionen und vieles mehr rund um das Thema kreiert. Hier findet ihr ab heute und die ganze Woche über alle Links zu den Produktionen der anderen.

Ich weiß nicht, ob sich Selbstmorde dadurch verhindern lassen. Ich weiß nicht, ob wir uns überhaupt anmaßen dürfen, jemanden davon abbringen zu wollen – denn ist das nicht ein Eingriff in jemandes Recht auf Selbstbestimmung? Wie mein zweiter Selbstmordentschluss gezeigt hat, warf mich mein Versprechen vom ersten Mal erneut in ein Tief, aus welchem ich keinen Ausweg fand. Es hat auch noch nie geholfen mir vom schönen Leben zu erzählen, oder davon, wie viel es doch gibt wofür es sich zu leben lohnt. Seit vielen Jahren ist mein Leben für mich eine Qual – ja, es wird irgendwann besser, aber lohnt es sich für mich wirklich und wahrhaftig dafür all die Verzweiflung, die Schmerzen und die Kämpfe immer wieder durchzustehen, obwohl ich am Ende meiner Kräfte bin? Ganz ehrlich: sehr oft ist meine Antwort nein. In meinem Umfeld kenne ich sehr viele, die genau so denken. Für sie ist der Gedanke „ich kann mich ja immer noch umbringen“ genauso tröstlich wie für mich. Wir alle leben aufgrund der Tatsache weiter, dass das Leben manchmal wirklich sehr schön ist und/oder es Menschen gibt, die wir lieben und die uns lieben.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich ein Mensch fühlt, der nichts von beidem hat.

Kannst Du einen Selbstmord verhindern? Ja und nein. Es gibt kein Rezept dafür, wie mit Suizidgedanken umgegangen werden sollte. Bei einigen sind solche Gedanken Hilferufe in einem Umfeld, welches sich nicht intensiv genug mit den Gefühlen und Gedanken des Betroffenen beschäftigt. Da gibt es unterschwellig die Hoffnung, dass vielleicht bei solch massiven Absichten endlich Interesse und Liebe entgegengebracht wird. Bei anderen sind die Selbstmordgedanken Resultat aus einer Periode schweren Leidens, welcher endlich ein Ende gesetzt werden soll. Vermutlich kann sich dann das Umfeld das Ausmaß dieses Schmerzes nicht vorstellen.

Also: was kannst du tun? Diese Gedanken ernst nehmen und nachfragen, warum sie da sind. Zuhören. Und wenn du dann den Eindruck hast, dass die Person sich dir gegenüber geöffnet hat und dir vertraut, und nur dann, psychologische Therapiemöglichkeiten ansprechen. Bitte liebe Leserin, lieber Leser, mach nicht den, zugegeben verständlichen, folgenden Fehler: ihr seid nicht klüger, besser, vernünftiger etc. nur weil ihr euch nicht das Leben nehmen wollt. Hinter Suizidgedanken liegen immer subjektiv empfundene gute Gründe. Diese können von psychischen Krankheiten wie Depressionen rühren, aber auch unerträgliche Umstände wie Armut, Mobbing, Einsamkeit sind „gute“ Gründe. Nehmt das ernst und entkräftet die Argumentation der Betroffenen nicht einfach durch gut gemeinte aber schlecht durchdachte Ratschläge. Jedes „aber denk doch mal positiv“, oder „es gibt doch Auswege und Leute, die helfen können“, was nicht der Situation angemessen ist, macht es nur noch schlimmer.

Letztlich ist Suizid eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich finde nicht, dass wir das Recht haben darüber zu urteilen, ob eine solche Entscheidung gut oder schlecht ist. Aber wir können die Gründe dafür minimieren, beispielsweise Mobbing oder Diskriminierung. Und das ist unsere verdammte Pflicht.

 

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Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: World Suicide Prevention Day 2018 • BlueSiren

  2. Liebe Jenny,

    Danke für diesen sehr persönlichen Beitrag.
    Es schmerzt, zu lesen und es tut mir so leid, dass du fühlst, wie du fühlst.
    Meine Depression ist dankenswerter Weise nicht so präsent, seit ich meine Medikamente nehme. Aber die Verzweiflung, die Leere, das Gefühl „Ich müsste eigentlich glücklich sein, aber ich fühle nichts“ – das ist mir nur zu bekannt.
    Ich denke, dass Beiträge wie deiner – offen, ehrlich und schonungslos – wichtig sind. So so wichtig. Denn ich denke, viele trauen sich nicht, so direkt anzusprechen, dass sie diese Option nicht verwerfen.
    Die Entscheidung für das Leben ist jederzeit widerrufbar, die für den Tod nicht.
    Ich hoffe sehr, dass du irgendwann Glück und Liebe empfinden kannst und diese Wahlmöglichkeit nicht im Hinterkopf behalten musst. Ansonsten hoffe ich, die Wahl gibt dir die Kraft weiterzumachen und dich für das Leben zu entscheiden. Immer und immer und immer wieder.

    Vielen Dank für deinen offenen Beitrag.
    Viel Liebe,
    Babsi

    Antworten

    • Liebe Babsi,

      danke dir, dass du diese Aktion ins Leben gerufen hast!

      Herzlichen Dank für deine lieben Worte <3 es freut mich, dass es dir da besser geht als mir, dennoch wünsche ich dir, dass das ganze Übel irgendwann ein Ende findet. Es sind solche Menschen wie du, die die Entscheidung FÜR das Leben beeinflussen können. Einfach, weil du sie nimmst, wie sie eben sind <3

      Wenn ich sowas schreibe, denke ich mir: irgendwer muss es ja machen. Daher freut es mich umso mehr, dass meine Texte als wichtig empfunden werden.

      Alles Liebe, Jenny

      Antworten

  3. Pingback: WSPD2018 - Buchvorstellung Veronika decides to die/Veronika beschließt zu sterben |

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