Landschaftsaufnahme in Noordwijk, Niederlande, Dünen Artikelbild für den Blogpost "Sind Prinzipien nur Ballast?" vom 19.08.2018 auf www.coloredcube.de

Sind Prinzipien nur Ballast?

Sollte ich öffentlich über meine Gesundheit schreiben? Da ich mich momentan auf Jobsuche befinde, beschäftige ich mich mit dieser Frage. Ob es denn nicht ein Ausschlusskriterium für potentielle Arbeitgeber wäre, wenn sie von vornherein wüssten, dass ich psychisch krank bin. Heute antworte ich noch ganz kühn: falls ja, dann will ich dort eh nicht arbeiten. Aber was ist in ein paar Monaten, falls ich dann immer noch keine Anstellung gefunden habe?

Es scheint, als würde man die eigenen Prinzipien mit wachsender Verzweiflung schneller über Bord werfen. Irgendwann hat man schlichtweg keine Wahl und muss mitspielen, egal wie unfair die Regeln sind. Oder nicht? Ich zum Beispiel würde nie wieder für ein Unternehmen arbeiten wollen, welches seine Mitarbeiter schlecht behandelt. Aber für diese Einstellung lieber weiter Hartz IV empfangen? Ganz heikles Thema.

Wenn es ums Arbeiten geht, habe ich schon ganz viele Ratschläge bekommen. Von „es macht keinen Sinn in einem Job zu landen, den du hasst“ bis hin zu „Arbeit ist eben Arbeit, das soll keinen Spaß machen“ war alles dabei. Unzählige Menschen brüsten sich damit, auch bei Krankheit zur Arbeit zu gehen und verurteilen sämtliche Leute, die sich sozialschmarotzerhaft für einige Jobs zu fein zu sein scheinen. Für die Jobcenter ist immer der nächste Job der beste Job. Hauptsache arbeiten, egal als was. Und ich sitze hier und denke mir: aber dafür lebst du doch nicht.

Ist meine Einstellung schon zu eitel? Ist es arrogant von mir zu sagen, dass ich mein Geld auf eine Art und Weise verdienen möchte, die mich nicht völlig fertig macht? Die mir im besten Fall auch noch ein positives Gefühl vermittelt? Und bin ich schon zu idealistisch, wenn ich sage, dass mein Arbeitgeber mit mir und meinen Macken klarkommen muss?

Getreu Gandhis Botschaft, dass man selbst die Veränderung sein muss, die man sich für die Welt wünscht, lebe ich bisweilen nach meinen Vorstellungen einer besseren Welt. Eine Welt, in der über psychische Leiden gesprochen wird und sie anerkannt werden als Teil eines Individuums, welches sich trotzdem die allergrößte Mühe gibt, am Leben teilzunehmen. Eine Welt in der das Geschlecht und der gesundheitliche Zustand egal sind, sondern nur der Mensch als Ganzes zählt. Eine Welt in der Leistung individuell bewertet wird anstatt mit Schubladensystemen. Schaufle ich mir dadurch mein eigenes Grab?

Sind Prinzipien, Werte und Moral vielleicht Luxusgüter, die im Notstand unnötiger Ballast sind? Es wäre viel besser, lokal angefertigte Kleidung zu kaufen, statt Sweatshops zu unterstützen. Kann ich mir das leisten? Nein. Brauch ich Kleidung? Ja. Also habe ich da irgendwie keine andere Wahl. Und was sollen die Familien sagen, die mehrere Kinder mit Hartz IV durchkriegen müssen? Da ist man dankbar, dass es Jeanshosen schon für 10€ gibt, Nudeln mit Tomatensoße für ein paar Cent und ab und zu einen Kaffee mit Freunden von Backwerk für nen Euro, weil man sonst sowas gar nicht mehr tun könnte. Konzerne argumentieren gerne, dass wir im Westen ja so billige Produkte haben wollen. Meine Wahrnehmung ist aber, dass wir gar keine andere Wahl haben.

Kannst du sie schon hören, die Vorwürfe? „Ja dann soll man halt arbeiten gehen!“ Nach meiner Ausbildung hätte ich ein Netto-Gehalt knapp über der Armutsgrenze erhalten. Hätte ich einen Job gefunden. Könnte ich mir dann lokal angefertigte Kleidung leisten, oder zum Bauernhof fahren um dort einzukaufen? Nein. Arbeit ist schon lange kein Garant mehr für ein gutes Leben. Wer wirklich nach oben möchte, muss sich etwas anderes einfallen lassen. Und da wir so stark voneinander abhängig sind wie noch nie, müssen wir uns gegenseitig um uns kümmern.

Es kann nicht sein, dass wir menschenunwürdige Arbeitsbedingungen zulassen. Es kann nicht sein, dass wir Menschen aufgrund ihres Einkommens sozial benachteiligen. Es kann nicht sein, dass Freiheit so stark mit Geld verknüpft ist. Privatjets werden in Deutschland nicht kontrolliert, die können alle machen, was sie wollen. Reiche ignorieren Regeln, weil man die Strafe ja einfach zahlen kann. Welchen Stellenwert haben meine Prinzipien; hat meine Moral noch unter diesen Aspekten?

Im reinen Kampf des Überlebens wirkt das alles wie Ballast, der einen nicht weiterbringt.

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