Sorglos wie ein Schmetterling

Am Anfang jeder Handlung steht die Motivation. Ein Ur-Wille. Ein Grund, weshalb diese Anstrengung überhaupt auf sich genommen wird. Fehlt die Motivation, so erfolgt keine Tat. Vielleicht ist das der Hintergrund meiner Lustlosigkeit?

Stelle dir bitte folgende Fragen, bevor du weiterliest:

Warum stehst du morgens auf?

Wozu machst du dich für die Arbeit fertig?

Wofür benötigst du Geld?

Warum bist du am Leben?

Fiel es dir leicht, darauf Antworten zu finden? Oder findest du es absurd, dir solche Fragen überhaupt zu stellen? Ob ersteres oder letzteres: ich beneide dich.

Ich beneide dich, weil du Gründe für dich gefunden hast, trotzdem durch den Regen zu gehen, auch wenn du bis auf die Knochen nass bist. Weil du Zuversicht hast, dass du bald eine trockene Unterkunft findest und dort alles gut wird. Weil du dich auf diese Unterkunft freuen kannst.

Ich beneide dich, weil du dir keine überflüssigen Gedanken machst, die dich kein Stück weiterbringen. Weil du einfach tust, was du tust. Weil du einfach bist.

Kannst du dir vorstellen, wie es ist, sich diese Fragen zu stellen und keine Antworten zu finden? Kannst du dir vorstellen, wie zermürbend es ist? Und wenn du dich damit an andere wendest, hörst du: „Aber es gibt doch so viel Schönes im Leben“ oder „dann musst du das richtige für dich finden“. Doch diese Suche erfordert Kraft. Irgendwann ist eine Kerze nunmal abgebrannt.

Ich kann einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, warum ich das alles überhaupt noch mache. Es scheint, als gäbe es keine intrinsische Motivation für mein Leben – als würde ich meinen Körper gegen seinen Willen am Leben halten. Ich bin depressiv und brauche eine Therapie? Bla bla bla. Hier kannst du nachlesen, dass ich bereits vor zwei Jahren keine Lust mehr hatte zu kämpfen. Meine Lebenssituation ist seither nochmal um einiges besser geworden, ich schaue sogar positiv in die Zukunft. Und trotzdem: für mich macht das alles keinen Sinn. Denn den Schmerz des Lebens spüre ich mehr als seine Freuden. Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern, nur meinen Umgang damit, aber ich frage mich einfach wozu. Es ist anstrengend, kräftezehrend. Ich werde immer hypersensibler; schon leicht erhöhte kognitive Anforderungen setzen mich für einige Zeit außer Gefecht. Obwohl mein Leben immer besser und schöner wird, ändert sich meine tiefste Einstellung dazu nicht.

Mir sind schlimme Dinge widerfahren, aus denen ich mich erst sehr spät selbst befreien konnte. Niemand hat mich gerettet. Also wem oder was bin ich etwas schuldig, außer mir selbst? Da ich in der unterentwickeltesten Stadt des Ruhrgebiets lebe, muss ich bei einem System mitspielen, dass alle benachteiligt, die keine Kontakte haben und wenig Kapital. Als introvertiertes Migrantenkind. Herzlichen Glückwünsch. Wozu also sollte ich mich in der Schule, im Studium, im Beruf anstrengen, um ein Teil dieser beknackten Gesellschaft zu werden? Weil ich ihr etwas zurückgeben muss? Dass ich nicht lache.

Das Glück ist mit den Dummen. Mit denen, die nicht sehen, dass wir alle unsere Freiheit gegen den Konsum eingetauscht haben. Mit allen, die nicht erkennen, dass ihre Worte untergehen im glitzernden Rausch des schnellen Glücks, und trotzdem Sprechen. Vielleicht geht es mir mittlerweile auch einfach zu gut. Als es noch ums pure Überleben ging, hatte ich keine Zeit für solche Gedanken und schaffte es sogar, Motivation zu generieren um mein Leben zu ändern. Jetzt ist alles so, wie ich es haben wollte.

War es am Ende einfach zu einfach?

Sind wir dazu verdammt, uns immer und immer wieder selbst zu geißeln? Probleme zu suchen, nur um sie lösen zu können? Erst leiden, dann freuen? Aber ist die Welt nicht viel mehr, als einfach ein dichotomes, schwarz-weißes Konstrukt? Was ist mit der Grauzone, in der alles einfach ruhig ist? Ich will einfach meine Ruhe… Auch wenn das den Stillstand bedeutet.

Manchmal wäre ich gern sorglos wie ein Schmetterling. Denn er lebt nur maximal zwei Wochen, ohne es zu wissen.

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