Burnout unso…

Strohballen rollen auf diesem Blog einsam von links nach rechts. Ein Pfeifen des Windes untermalt die trostlose Kulisse. Es ist still geworden hier. Und den Grund dafür möchte ich dir heute mitteilen.

Im Titel lässt es sich schon erahnen: ich hatte diesen ominösen Burnout mitsamt einer Intensivierung meiner Depression. Nach dieser Erfahrung wünsche mich mir vor allem eines: verdammt nochmal endlich mehr Akzeptanz für psychische Krankheiten und damit auch einen vernünftigen Umgang.

Was ist passiert?

Kurz gesagt: mir wurde alles zu viel. Studium + Job, alleine den Haushalt schmeißen, meine neue Beziehung, meine Freunde, dass ich komplett auf eigenen Beinen stehe ohne Sicherheitsnetz. Ach ja, den Blog und meine zahlreichen Hobbies und meinen Wunsch endlich abzunehmen gibt es da auch noch.

Es brauchte eine ereignislose Magenspiegelung und die ärztliche Diagnose „ist wohl doch ein Reizmagen“ bis ich endlich einsah, dass ich nicht weitermachen konnte, wie bisher. Denn nichts wollte ich weniger, als schwach sein. Schließlich hatte ich mir mein Leben so zurechtgebogen, dass es meinen Träumen entsprach – ich hatte verdammt nochmal glücklich zu sein! Verdammt nochmal, sei doch nicht so eine Pussy und kämpfe für deine Träume!

Überall im Internet finden sich Erfolgsstorys über Menschen, die neben ihren 8-10h Tagen um 5 Uhr morgens ihre eigentliche Leidenschaft ausleben, bis sie endlich damit ihr Leben finanzieren können. Das möchte ich auch! Was ich nicht bedacht habe: auch Arbeit, die Spaß macht, ist anstrengend. Es war schlichtweg naiv zu denken, dass mich meine Leidenschaft genügend entspannen würde. Und so gilt es nun für mich zu lernen, wie ich mich tatsächlich entspannen kann, denn ich weiß es nicht.

Warum ich am Anfang für mehr Verständnis plädiert habe? Weil ich es traurig finde, dass ich meine Genesung in 2 Wochen meines 3-wöchigen Urlaubs pressen musste, weil es anders mit meinem Studium kollidiert hätte. Konkret: ich war in einer Akut-Tagesklinik, und bin mehr als froh darüber. Endlich mal einfach nur sein, statt funktionieren. Aber der Stress meines Lebens hat mich bereits völlig wieder. Zwar habe ich viele Wege gefunden, um den Stress zu minimieren, aber leider ist das, was jetzt noch übrig ist, immer noch zu viel für mich in meinem Zustand. Doch was soll ich tun? Eine Hausarbeit schreibt sich nicht von allein. Krankschreiben lassen um nicht zur Arbeit zu müssen? Dann kann ich ja direkt kündigen.

Klinik ist nicht gleich Klinik

Die zwei Wochen unter einer Glocke zu verbringen, die mich von „dem Leben da draußen“ abschirmte, hat mir gezeigt, dass unsere Gesellschaft überhaupt nicht verstanden hat, was psychische Krankheiten überhaupt sind. Allein, dass der Aufenthalt in einem Krankenhaus aufgrund von physischem Leid vollkommen anders behandelt wird, als in einem Krankenhaus für Psychiatrie und Psychosomatik. Im Krankenhaus liegen die Kranken, das andere sind die Irren in der Klapse. Natürlich liegt dieses krasse Bild an den zahlreichen Extremfällen. Aber man liegt auch im Krankenhaus, wenn man „nur“ den Blinddarm entfernt bekommt. Auch mit „nur“ Depressionen kann man im Krankenhaus landen.

Leider steckte diese abscheuliche Ansicht auch in mir. Am Anfang fühlte ich mich fehl am Platz. „Ich gehöre hier nicht hin, meine Probleme sind nicht so gravierend.“ Dazu kam die Angst, dass mich jemand wiedererkennen könnte, da ich manchmal während meiner Ausbildung in diesem Haus zu tun hatte. Letztlich bestätigte sich meine Annahme dieser Ansicht, als mein Nachbar völlig unvermittelt dort auftauchte, weil er als Postbote dort die Post vorbeibrachte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht sprach Bände: „Was macht sie denn hier?!“

Radikale Akzeptanz des Umfelds

Doch nach kürzester Zeit ging es mir viel besser und mir wurde klar: du bist krank und das ist nichts, wofür du dich schämen solltest. Es fühlte sich herrlich frei und unbeschwert an in einem Umfeld unterwegs zu sein, dass einen komplett akzeptierte, so wie man eben im Moment war. Sich zurückziehen ohne jemandem etwas zu sagen? Kein Problem. Keiner stellte Fragen. Ohne Entschuldigung und Erklärungen vom Tisch aufstehen, weil die Situation zu belastend ist? Auch kein Thema. Damit ein solches Verhalten auch nur im Ansatz in alltäglichen sozialen Situationen geduldet wird, ist meist jede Menge Vorarbeit nötig. Ich selbst kann mich so leider nur bei sehr wenigen Menschen verhalten und selbst da vermeide ich es, weil sich jemand gekränkt fühlen könnte. So sind viele Momente eine Farce, ein Versteckspiel. Und es ist so unfassbar anstrengend, dass ich oft das Alleinsein vorziehe. Weil es unkomplizierter ist, und einfacher.

Wie schön es wäre, wenn ich auf der Arbeit öfter Pausen machen könnte. Wie schön es wäre, wenn das Bafög Amt einsähe, dass ich aufgrund meiner Depressionen eigentlich nicht in Regelstudienzeit fertig studieren kann. Aber um diese Dinge zu erreichen, müsste ich Kräfte mobilisieren, die ich schlichtweg nicht habe. Einen Krieg gegen politische Entscheidungen und die Gesellschaft führen? Liebend gern – aber jetzt nicht. Ich kann einfach nicht mehr.

Leistung, Leistung, Leistung…

Manchmal werde ich gefragt, was ich denn alles an Stress hätte – irgendwas muss meinen Burnout ja herbeigeführt haben. Zum Glück steckt dahinter immer ernstes Interesse, dennoch hat diese Frage einen fiesen Beigeschmack der mich zweifeln lässt, ob ich eigentlich wirklich einen Grund habe krank zu sein. So kommt es, dass ich meine Antwort oft als Rechtfertigung formuliere und sie auch als solche empfinde, obwohl es gar nicht nötig wäre. Eigentlich sollte es mir egal sein, denn jeder Mensch ist anders. Und dennoch lebe ich in einer Leistungsgesellschaft, in der die Schwachen nutzlos sind…

Denn seien wir mal ehrlich: ja es macht mich stark, dass ich mich meinen inneren Kämpfen jeden Tag aufs Neue stelle. Ja es macht mich stark, dass ich dazu stehe und mich in Behandlung begeben habe, obwohl es viel Kraft kostet. Ja es macht mich stark, dass ich trotzdem an meinen Zielen festhalte. Aber das bringt niemandem etwas. Kein Arbeitgeber wird mich aufgrund dieser Kompetenzen einstellen, denn er wird nur sehen, dass ich nicht so belastbar bin wie andere.

Täglich stelle ich mir die Frage, wie es weitergehen soll. Die Antwort ist: ich weiß es nicht, aber jedenfalls nicht so wie bisher. Am liebsten würde ich einfach weit weg von hier ans Meer fahren und auf den Reset Knopf drücken. Schade, dass das finanziell nicht geht.

Der bunte Würfel, der gar nicht so bunt ist

Diesen Blog, colored cube, gibt es nun schon seit über einem Jahr, und ich frage mich, was von meiner ursprünglichen Motivation und Botschaft noch übrig geblieben ist. Ich wollte Menschen zeigen, wie viel Potential in ihnen steckt und wie viel sie selbst in der Hand haben. Aufgrund der Tatsache, dass meine Depressionen immer stärker wurden, fing ich an, an diesem Glauben zu zweifeln. Ich poste deshalb nicht so viel wie gedacht, weil ich mich wie eine Heuchlerin fühle. Wie kann ich von dem Schönen in dieser Welt erzählen, wenn sie doch bloß ein hoffnungsloser Ort ohne Sinn ist? Wie soll ich meinen Lesern glaubhaft vermitteln, dass sie alles erreichen können, wenn ich das selbst nicht mehr schaffe? Was soll ich überhaupt schreiben, wenn in meinem Kopf entweder nichts los ist, oder nur negative und lebensmüde Gedanken – wen interessiert das?

Daher denke ich über eine kleine Umstrukturierung nach, um den Themen, die dieser Blog tatsächlich beinhaltet, mehr gerecht zu werden. Und um vielleicht wieder mehr zu veröffentlichen.

Ich würde mich sehr über einen Kommentar freuen, was du, lieber Leser/ liebe Leserin/ liebex Lesex, darüber denkst. Auch über Tipps und Kritik freue ich mich sehr!

Vielen Dank fürs Lesen,

Jenny

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Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Joa dat geht halt allen anne Substanz. Manche sind belastbarer als andere. Manche stellen sich als sheeshe Performer dar, die jeden Tach ne neue Herausforderung „bräuchten“ um daran zu wachsen. Eine kannte ich sehr gut, die in ein solches Raster passt. Und die hatte ne Art Angststörung oder kognitive Dissonanz. Wenne Leute intensiv genug analysierst, findeste bei wirklich jedem etwas. Und wenns keine Depression oder n Burnout is, dann irgendein anderer Hau. Keiner ist ganz rund geschaltet aber scheiß drauf, dann sind wir halt alle bescheuert aber happy. \o/ Nur hat man sich eben früher nich so viele Fragen über sein Verhalten gestellt.

    Scheiß drauf ob du mehr gebacken kriegst als andere. Damit will man sich heute doch nur noch profilieren weil die nächste Chance zur fetten Karriere natürlich überall lauern könnte. Andere 22jährige schulabgänger aus meinem Studiengang erzählen mir auch wat sie für Seminare belegen (werden und dann doch im Sand verlaufen lassen), weil den Schulleitern in NRW ja angeblich die Freude warm am Schenkel runterlaufen würde. Alles Dummschwätzer mit ihren Karriereleitern etc. Mit dem Mund und auf Instagram sind sie die Größten, aber das kommt aus deren eigenen Unsicherheit raus und weil sie auf bento gelesen haben, dass überall Recruiter undercover lauern, um ewige Teenager ausfindig zu machen, die ein Jahr lang in den USA waren und große Töne a la „Ich brauch jeden Tag ne neue Herausforderung“ spucken… Sorry für diesen langen Satz… ‚:D

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