Ein Zahnrad unter Vielen

Persönliche Abhandlung über das Heute

Das Alles ist ein Teufelskreis, den ich nicht durchbrechen kann. Früher oder später, aber auf jeden Fall immer, stehe ich an dem Punkt, an dem ich mich zum wiederholten Male frage: Wozu? Wozu all den Stress aushalten, die ganzen Buchstaben eintippen, Telefonate führen, wenn ich am Ende sowieso wieder hier stehe. Mit den Fußspitzen überm Abgrund und der höchsten Bereitschaft, mich einfach fallen zu lassen. Den Wind im Gesicht spüren, endlich völlig frei sein. Stattdessen wähle ich halbe Lösungen und stopfe ungesundes Essen in mich rein und liebäugle mit Wein und noch mehr ungesundem Essen. Erst die Bauchschmerzen halten mich auf, aber sie stimmen mich nur unzufrieden. Machen mich träge und lassen mich mein Handeln verteufeln. Doch wenn man schon mit nur einer Sünde in die Hölle kommt, warum nicht gleich tausende davon begehen und dort unten als Legende ankommen?

Es könnte alles so einfach sein. Wir könnten einfach liebevoll und gutmütig miteinander umgehen, doch wir ziehen es vor uns dank Deadlines an den Haaren zu ziehen und den Kollegen zu missbilligen, der ernsthaft wegen seinen Stresssymptomen krank zu Hause bleibt. Wir nennen ihn ein Kameradenschwein dabei sind wir es, die ihn überhaupt erst krank gemacht haben. Depressionen, Burn Out, Stress und alle anderen psychischen Leiden – die sind nicht angeboren, die entstehen erst im Laufe des Lebens. Und wer ist am stärksten für den Verlauf unseres eigenen Lebens verantwortlich? Die anderen Menschen um uns herum.

„Denk doch nicht daran, was die anderen denken könnten“ und „hör nicht auf das, was alle sagen“ wird uns empfohlen, dabei ist es paradox: ist es doch wieder ein Gedanke und ein Gesagtes von einem anderen. Wie sollen wir uns als Individuum frei machen, uns weiterbilden, optimieren, mit der Zeit gehen, offen und flexibel sein, wenn wir doch so stark von allen anderen, der Gesellschaft, abhängen? Es macht mich krank, im echten und übertragenen Sinne, dass ich in einer Welt lebe, in der so viel so schnell passiert obwohl doch nichts geschieht. Vor einiger Zeit hatte ich auf Facebook einen Artikel verlinkt, der sich damit beschäftigt, dass es uns im Westen zu gut geht und wir unnötigen Luxus kreieren der zum größten Teil nur deshalb existieren kann, weil wir andere dafür bluten lassen. Wir machen hier mit uns genau das gleiche. Zwar haben wir was von dem Luxus, an dem wir mitarbeiten, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass für jede Fahrt nach oben auch wieder jemand runterfahren muss. Weil über den Wolken nicht so viel Platz ist.

Wer kämpft, will gewinnen

Weil der Mensch von Natur aus um sein Überleben kämpft, gibt er die gute Stellung, die er hat, nicht freiwillig auf. Und ich kann das mittlerweile verstehen: Vor zwei Jahren hatte ich nichts, baute mir alles neu auf und war innerlich in einem Zustand vollkommener Harmonie mit mir und der Welt. Ich teilte und half, mein eigener Besitz bedeutete mir quasi nichts und auch sonst hätte ich auf alles verzichtet wenn dies bedeutet hätte, dass jemand anderes es genau so gut haben kann wie ich. Heute, nach zwei Jahren harter Arbeit, sitze ich nicht mehr „ganz unten“. Ich habe mir etwas aufgebaut, worauf ich stolz bin und was mir viel bedeutet. Das gebe ich doch nicht ab! Es ist nicht viel, was ich habe, aber mir geht es um die grundsätzliche Einstellung: jetzt, wo es bergauf geht, das Leben angenehmer zu sein scheint, will ich das nicht mehr missen. Das geht den reichen und machtvollen Menschen am oberen Ende der Gesellschaft nicht anders. Und das ist ein Problem, welches die Menschheit vielleicht niemals in den Griff bekommen wird.

Sozialistaat hin oder her. Natürlich ist das gut, dass es ein soziales Auffangnetz gibt. Natürlich ist es gut, dass wir nach Bildungsgleichheit streben. Aber sollte dabei nicht das Wohl der Menschen im Vordergrund stehen, statt das Wohl der Wirtschaft? Wieso prügelt sich der Großteil denn durch Ausbildung und Studium? Damit man einen guten Job haben kann, der gut bezahlt wird! Dass ich mein Studium aus Interesse aufgenommen habe, verdanke ich nur dem Umstand, dass ich meine damalige Lebensituation unbedingt ändern musste. Aber ich sitze trotzdem in diesem Leistungsboot: weil ich auf Bafög angewiesen bin, kann ich mir nicht die Zeit für den Stoff nehmen, die ich gerne würde um ihn wirklich intensiv zu verstehen. Darunter leidet nicht hauptsächlich mein Studium, sondern meine Gesundheit. Denn wo einst der Wind der Freiheit um meine Nase wehte als ich den Hörsaal betrat, hängt jetzt der modrige Gestank des gesellschaftlichen Drucks im Raum. Es ist Zwang und keine Freude.

Es könnte alles so einfach sein…

Zahlreiche Blogs, Youtube Channels und Bücher beschäftigen sich mit dem Thema Selbstfindung. Es geht oft darum, einen Job zu finden, der einen sorglos glücklich macht. Denn meistens nervt uns nicht die Arbeit an sich, sonder das, was wir dort tun müssen. Die Theorie ist: finde einen Job, den du liebst, und du wirst nie wieder arbeiten müssen. Leute, das ist totaler Blödsinn. Nur weil man seinen Job liebt, macht es ihn nicht weniger fordernd, anstrengend oder belastend. Es stimmt, dass ein geliebter Beruf glücklich macht. Aber glücklich sein bedeutet nicht, das alles total einfach ist. Und auch unser Traumjob, kann uns das Leben zur Hölle machen. Der Sportler kann sich so stark verletzen, dass er nie wieder trainieren kann. Der Tierarzt bekommt nach einer Infektion eine Tierhaarallergie. Die Journalistin jagt von einem Thema zum nächsten und stürzt völlig übermüdet von der Treppe. Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Es könnte alles so einfach sein, wenn der gesellschaftliche Druck, der auf uns lastet, nicht so hoch wäre. Zwar gibt es Individuen, die versuchen, ein positives Bild über die Medien und Co. zu vermitteln. Aber diese Individuen legen selbst die Latte so hoch. Wir eifern den supersportlichen, zweifach Karrieremüttern in ihren Endzwanzigern nach, wenn wir das Bild auf Instagram sehen, wie sie nebenbei auch noch Sandwiches an Bedürftige verteilen. Weil soziales Engagement eigentlich das wichtigste ist, denn etwas zurückzugeben ist wichtig. Ich frage mich, wie die das alles machen, und dabei auch noch super aussehen und nicht psychisch völlig hinüber sind. Aber vielleicht sind sie es auch, wer weiß das schon. Filme wie Wolf of Wall Street und echte Schicksale von Prominenten aus Hollywood machen deutlich, wie stark krasser Erfolg und Aufputschmittel zusammenhängen. Und dennoch zählt nur, was auf dem Foto zu sehen ist, wenn wir uns vergleichen. Wir vergleichen uns, damit wir begreifen, wer wir sind und wo wir stehen. Mit sozialen Netzwerken und dem Internet an sich, ist das noch viel einfacher und viel schlimmer geworden.

Wäre es nicht viel besser, einfach gar nicht darüber zu reden?

Auch der hundertste „Sei immer du selbst, außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei immer ein Einhorn“-Post ändert nichts daran, dass ich das darauf folgende Bild im Feed als Anlass nehme, mich zu vergleichen. Ich glaube auch, dass die Body Positivity Bewegung das Vergleichen nur noch mehr anregt. Für jetzt, ist es erstmal wunderbar, dass unterschiedliche Menschen ihre spärlich bekleideten Körper zur Schau stellen damit nicht nur die Werbung und die künstliche TV-Welt ein Körperbild vermitteln. Aber sollten wir das im Grunde nicht einfach ganz sein lassen? Wäre es nicht viel besser, einfach gar nicht darüber zu reden, weil es total egal ist, wie ein Körper aussieht? Als Kinder sind wir doch auch einfach am Strand langgelaufen, zwischen all den halbnackten Menschen und haben unsere unschuldigen Gedanken gehabt. Dass irgendwas an unserem Körper schlecht sein könnte, ist doch ein Gedanke, der von außen in uns eingedrungen ist. Genau so wie der Gedanke, dass überhaupt irgendetwas an uns schlecht sein könnte.

Wo wir wieder fast am Anfang wären. „Schuld sind immer die anderen“ ist ein Satz, der bemängelt, wenn jemand niemals die Schuld bei sich selbst sucht. Doch im Zuge der Individualisierung der Gesellschaft ist meiner Meinung nach der Typus „Ich bin Schuld an allem“ großgeworden. Der, der sich ständig infrage stellt. Der, der psychisch leidet, wegen dem, was die anderen tun. Und so sind dann doch irgendwie die anderen an allem schuld. Kriegen wir das auf die Kette, da ein Gleichgewicht zu finden?

Letztlich ist Gleichgewicht nur Stillstand. Doch weil die Erde sich dreht muss es immer weiter gehen. Immer weiter, immer schneller, immer höher, immer besser. Wozu weiß eigentlich keiner. Denn eigentlich, ist doch alles gut so, wie es ist.

 

Ähnliche Beiträge

  • Sind Ziele tatsächlich erreichbar?Sind Ziele tatsächlich erreichbar? Es gibt leider keine Abkürzung zum Traumschloss. Außerdem gibt es etwas, was unfair verteilt ist: Transportmittel. Denn es gibt Menschen, […]
  • Status: die großen Fragen des LebensStatus: die großen Fragen des Lebens Heute mache ich mal etwas vollkommen verrücktes: Ich schreibe einfach darauf los, ohne Back-up als Word Datei, und poste das, was hierbei […]
  • Sich lieben wie man ist #paleskinSich lieben wie man ist Ich bin noch nicht an dem Punkt angelangt, dass ich behaupten könnte, dass diejenigen, die diesen Blog lesen, genau wissen, wie ich […]

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.