Status: die großen Fragen des Lebens

Heute mache ich mal etwas vollkommen verrücktes: Ich schreibe einfach darauf los, ohne Back-up als Word Datei, und poste das, was hierbei rumkommt einfach direkt. Denn ursprünglich war das Blog-Format auch mal so gedacht. Mittlerweile monetasieren sie sich, konkurrieren miteinander, und es gibt zahlreiche Tipps im weiten Internet, wie man seinen Blog verbessern kann. Aber geht es im Kern nicht immer darum, dass der Autor sich einem Publikum mitteilt?

Dieser Anspruch, mit seinen Gedanken, seinen Texten, seiner Schreibe, vor allem der Leserschaft zu gefallen um sie zu vergrößern, killt mindestens 70% meiner angefangenen Texte bereits nach 3 Minuten Arbeit. Daher ist das heutige Vorhaben auch so verrückt für mich: einfach hinsetzen, schreiben, posten – fertig. Kein ewig langes Überlegen von Themen, die irgendeinen grandiosen Mehrwert haben und im besten Fall irgendwem das Leben retten. Kein Zerdenken der eigenen Schöpfung. Kein Bemängeln der eigenen Fähigkeiten. Einfach drauf los bloggen, etwas mitteilen – einfach so, um des Tuns Willen. Oder wie Aristoteles ausdrückte: vollkommene Glückseligkeit ist, wenn wir etwas um seiner selbst Willen tun.

Viel zu oft lasse ich mich vom Außendruck erdrücken. Je größer und anspruchsvoller meine Ziele und Wünsche werden, desto mehr sehe ich, wie viele Anforderungen ich vor dem Erreichen ich erfüllen muss und fühle mich davon erschlagen, bis ich letztlich handlungsunfähig werde. Und nicht schreibe, nicht fotografiere, nicht blogge. Weil ich mich mal wieder nicht gut genug dafür fühle. Denn anstatt mein ursprüngliches Ziel – nämlich, glücklich zu sein – zu verfolgen, habe ich die Messlatte langsam aber sicher nach oben verschoben. Glücklich bin ich mittlerweile geworden, aber anstatt diesen Zustand halten zu wollen, verkompliziere ich mir die Sache selbst, finde Gründe, unzufrieden zu sein und mein eigenes Glück in einen Karton zu stopfen und unter das Bett zu schieben. Ich dachte, dass es nicht so schwierig sein kann, einfach glücklich zu sein…

Was machst du so, wenn du nicht glücklich bist, obwohl alles in Ordnung ist?

Ich gucke mir auf Youtube Videos dazu an, wie ich mein Leben optimieren kann, um noch glücklicher zu werden. Das klingt erstmal absurd, weil ich in dem Moment ja eben nicht glücklich bin; aber eine Inspiration, und darauf folgend ein Plan, und eine gewisse Kontrolle über diesen Plan, geben mir das Gefühl, die Dinge richtig im Griff zu haben. Während so einer Session entdecke ich auch mindestens zwei potentielle neue Hobbies, die ich dann entweder sofort in die Tat umsetzen muss, oder zumindest in meinen Kalender einplanen will. Was allerdings auch immer passiert, ist, dass ich noch unglücklicher werde als zuvor. Denn wie ich hier schon einmal geschrieben habe, bin ich perfektionistisch veranlagt. Das dürfte allerdings auch bereits zu Anfang meines Textes deutlich geworden sein… nun ja, jedenfalls, sehe ich auf Youtube dann diese voll krass gut gedrehten Videos, mit coolem Material, coolem Licht, coolen Szenen, und schaue dann auf mein Vorhaben, meinen Blog, meine Botschaften, die ich so verbreiten möchte und denke mir: „Haha, ha, ha… du Loser.“ Für das coole Material hab ich kein Geld und für die coolen Szenen kein Equipment, ergo: fang ich gar nicht erst an.

Das Ziel erreichen, ohne den Weg gehen zu wollen

Es gibt leider keine Abkürzung zum Traumschloss. Aber verdammt nochmal… schön wärs! Als ich mit dem Studium anfing, war ich sehr stolz auf mich, überhaupt diesen großen Schritt getan zu haben. Nahm mir vor, mein Tempo zu gehen und die Noten nicht so ernst zu nehmen. Jetzt, im 4. Semester und dem Wunsch nachher noch den Master zu machen, sieht die Lage ganz anders aus. Wie zur Hölle schaffen das meine Kommilitonen, ALLE Texte für die nächsten Sitzungen vorzubereiten?! Und dann noch gut drauf zu sein, ein Leben zu haben und sich ehrenamtlich zu engagieren? Ganz zu schweigen von den guten Noten in den Klausuren, für die sie dann auch noch vorbildlich früh genug anfangen zu lernen… Da ich auch nur ein Mensch bin, fokussiere ich mich auf die wenigen, bei denen es so läuft, und projeziere das auf mein ganzes Umfeld ohne genauere Infos einzuholen. Dass es mehrere Leute gibt, die eigentlich nichts tun und irgendwie so durch ihr Studium kommen, blende ich aus. Warum? Weil ich zu diesen Leuten gehören möchte, die alles haben und alles können. Weil ich den Eindruck habe, dass ich „vollkommen“ sein muss, um etwas erreichen zu können.

Natürlich ist Erfolg nicht objektiv sondern subjektiv. Aber tun wir uns als Menschen überhaupt einen Gefallen, uns enorm große Ziele zu stecken? War es klug nach den Sternen greifen zu wollen und Raketen zu bauen? Auf Facebook habe ich letztlich einen Artikel geteilt, der aussagt, dass es uns zu gut geht, dass wir Dinge produzieren, die wir eigentlich gar nicht bräuchten und das alles auf Kosten von anderen. Diese ganze Idee, dass alles optimiert werden kann und besser… schaufeln wir uns damit nicht unser eigenes Grab, weil wir einen Druck erzeugen, dem keiner von uns standhalten kann? Dank der Industrie 4.0, Digitalisierung und Automatisierungsprozesse, klaffen die Anforderungen an zukünftige Jobs immer weiter auseinander: Drecksarbeit machen oder Genie sein. Und wenn es uns eines Tages gelingt, künstliche Intelligenz in die Köpfe von Robotern zu pflanzen – ja wozu leben wir dann überhaupt noch?

Mein verrücktes „Experiment“ ist in philosophischen Fragen geendet… Ich hoffe, dass dir die Zeit, die du mit dem Lesen dieses Textes verbracht hast, einige neue Ideen in deinen Kopf eingepflanzt hat. Lass es dir gut gehen, genieß das Wetter wenn du kannst, und tanz gut in den Mai!

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