Sind Ziele tatsächlich erreichbar?

Es gibt leider keine Abkürzung zum Traumschloss. Außerdem gibt es etwas, was unfair verteilt ist: Transportmittel. Denn es gibt Menschen, die müssen zu ihrem Traumschloss gehen, und es gibt solche, die mit dem Auto hinfahren können. Ich rede von den zwei magischen Hilfsmitteln: Geld und Kontakte.

Wer ernsthaft glaubt, dass er nur mit reiner Leistung von sich überzeugen kann, den muss ich leider enttäuschen. Denn rund zwei Drittel aller Stellen werden erst gar nicht ausgeschrieben, sondern über ein bekanntes Netzwerk vergeben. Und was die Lehrer in der Schule erzählt haben, man könne alles werden, wenn man sich nur anstrengt? Eine Illusion, die uns der Staat (oder besser gesagt das ganze System, aber einige haben ja Angst vor diesem Wort…) vorgaukelt um uns bei Laune zu halten. Denn leider ist Fakt, dass in keinem anderen westlichen Land die Zukunftschancen so sehr an die soziale Herkunft geknüpft sind, wie bei uns. Das heißt im Klartext: kommst du aus München und einer akademischen Familie, kann diese dir wahrscheinlich dein Wunschstudium ermöglichen, und du brauchst dafür noch nicht einmal arbeiten. Hättest du dein Abitur allerdings im Ruhrpott gemacht, in einer Familie mit Migrationshintergrund, in welcher nur wenig Geld verdient wurde, bliebe dir nur die Chance auf ein Studium in der Nähe, weil du es ohne Bafög gar nicht erst finanzieren könntest – geschweige denn eine Wohnung in einer anderen Stadt.

Es ist fast überflüssig hier zu erwähnen, dass dir der Druck, in der Regelstudienzeit zu bleiben, kaum Möglichkeiten bietet mal nach links und rechts zu gucken, dich auszuprobieren und in zahlreichen Unternehmen (oder gar im Ausland) Praktika zu machen. Überhaupt andere Länder zu besuchen kommt nicht infrage. Vielleicht schreibst du gute Noten, aber was dir dann immer noch fehlt ist Geld und ein Netzwerk.

Geld kann man verdienen. Aber in welchem Job denn? Der Studierende der Akademikerfamilie in München war wahrscheinlich im Ausland, hat hier und da Kontakte geknüpft und dadurch mindestens zwei Optionen, die er nach dem Studium wählen könnte. Wenn er dann auch noch gut darin war, sich selbst zu vermarkten, ist die Karriere so sicher wie der Dreck unter deinen Fingernägeln nach einer Session Gartenarbeit.

Ich will hier niemanden bashen, der dieses Glück hat, dennoch will ich sagen: schätze dich glücklich. Denn du fängst dein Leben von einem viel besseren Standpunkt aus an, als andere.

Wobei wir wieder bei der Abkürzung zum Traumschloss wären. Mit Geld kann man sich das Auto kaufen, welches einen schneller dort hinbringt. Kontakte sind die Menschen, die dir auf der Strecke mit Benzin, einem neuen Reifen oder einem Abschleppdienst aushelfen, wenn du liegen bleibst. Zu Fuß brauchst du viel länger, und ohne Kontakte bist du ganz auf dich allein gestellt. Da hilft dir keiner hoch, wenn du stolperst.

Am besten wäre es für den Fußgänger, jemanden mit einem Auto zu treffen, der einen ein Stück mitnimmt oder sogar ganz bis vor die Tür fährt. Man nennt solche Leute auch gern mal Golddigger, die beim Kennenlernen potentieller Partner nur auf das Geld und die Karriere schauen. Strategisch ist das einwandfrei und ziemlich schlau: man hat erkannt, welche Ressourcen man braucht, wählt eine einfache Methode, diese zu beschaffen und schlägt so zwei Fliegen mit einer Zeitung. Zum Nachahmen empfohlen? Meiner Meinung nach nicht.

Gdynia, Polen, 2016

Aber von Moral kann man sich nichts kaufen, wie man so schön sagt. Das Traumschloss muss aber gar nicht etwas Materielles sein. Auch der Traumjob verlangt nach Geld und Kontakten. Kontakte ist klar, aber Geld? Nun, der Fotograf braucht Equipment, der Wissenschaftler Bildung und das Model Zeit (=Geld) fürs Fitnessprogramm. Selbstverständlich lässt sich eine Fotoausrüstung auch über einen längeren Zeitraum zusammensparen. Auch ein Studium kann länger vollzogen werden, wenn man nebenbei arbeiten muss und der Modelkörper kann auch über Jahre erarbeitet werden. Aber genau darin liegt die Saat der Unzufriedenheit. Es dauert. Und dauert. Und auf dem Weg zum Schloss hat man vielleicht schon längst vergessen, wofür man überhaupt losgelaufen ist. Obwohl man schon so lang unterwegs ist, ist es immer noch nicht in Sicht. Die Menschen auf dem Fahrrad ziehen vorbei. Die Autos rasen.

Und du? Und ich? Wir laufen, schlurfen, nebeneinander her, halten uns an der Hand und ziehen uns weiter nach vorn
Fällst du hin, falle ich mit dir. Aber wir helfen uns gegenseitig auf
Manchmal willst du nach links, wenn ich nach rechts will
Dann finden wir einen Kompromiss
Manchmal laufen wir einfach durch die Mitte und ertrampeln uns unseren eigenen Pfad
Ich bleibe oft stehen, verzweifle, rufe meine Kraftlosigkeit aus
Aber du zerrst mich weiter, meistens
Denn hin und wieder hast du selbst vergessen wie es ist, wenn die Sonne scheint und das Traumschloss seine Turmspitzen am Horizont erahnen lässt

Du läufst auch nur aus dem Glauben daran weiter, dass du irgendwann am Ziel ankommst, solang du weiter auf es zuschreitest
Ich habe das auch einmal geglaubt, aber was ist, wenn ich nicht genug Zeit habe?
Wenn ich immer nur gehen werde, am Ende meiner Kräfte
Bis ich tot umfalle

Zehn Meter vor der Zugbrücke

 

 

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