Artikelbild für den Blogpost "Marta war 15 als es anfing" vom 06.02.2017 auf https://coloredcube.de

„Marta war 15 als es anfing“

Marta war 15 Jahre alt, als es anfing. Ihr Vater arbeitete seit Jahren in Wechselschicht in Großküchen, auf dem Bau oder in der Industrie. Eigentlich sah sie ihn so gut wie nie. Manchmal fand sie ihn in ihren Augen wieder oder auf ihrem Kopf, wenn sie ihre braunen Haare betrachtete, die sie von ihm hatte. Aber ansonsten war dieser Mann ihr fremd, er war der Ehemann ihrer Mutter, der Grund, warum sie und ihr Bruder lebten aber mehr auch nicht. Er fehlte beim Frühstück, er fehlte beim Abendessen – wenn es denn mal welches gab. Denn seit Matthias, ihr Bruder, und sie alt genug waren um sich ihre Brote selbst zu schmieren, aß jeder einfach irgendwann irgendwas wenn er irgendwie Hunger hatte. Das war auch der Zeitpunkt an dem ihre Mutter wieder anfing zur Arbeit zu gehen, wenigstens halbtags. Damit sie sich etwas mehr leisten konnten und auch später das Studium der Kinder. Doch das zusätzliche Geld floss nicht in Urlaube, Bildung oder wenigstens Unterhaltung, sondern in flüssiger Form in des Vaters Kehle sc6hn6n. Die ewige Belastung durch wechselnde Schichten und wechselnde Jobs setzte ihm zu. Immer öfter schimpfte er, dass es in Deutschland doch nicht so gut sei, wie gedacht. Marta war drei Jahre alt, als sie und ihre Familie Polen verließen, in der Hoffnung, im Land des guten Waschmittels ein angenehmeres Leben zu führen. In Deutschland, im Westen, dort wo man Mercedes fuhr, irgendwann.

Die Haustür hatte er noch nicht hinter sich zugezogen, da polterte ihr Vater schon drauf los.

Marta bewegte sich auf leisen Sohlen durch den in Buche gekleideten Flur in das Zimmer ihres Bruders um nach ihm zu sehen. Obwohl er älter war als sie, kümmerte sie sich mehr um ihn als anders herum. Vielleicht war das diese Mutterrolle, die man ihr von klein auf eingeflößt hatte, die sie nun auslebte.

„Ist alles ok?“

„Nerv nicht! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht einfach in mein Zimmer kommen sollst!“

Die Wasserflasche sauste an ihrer linken Wange vorbei und krachte hinter ihr zuerst an die Wand, dann auf den Boden. Ihr Bruder hatte sie überhaupt nicht richtig gehört, denn er saß mit Kopfhörern auf den Ohren vorm PC und betätigte in hoher Geschwindigkeit immer wieder verschiedene Tasten der Tastatur mit seiner linken Hand, während er in der rechten die Maus umkrampfte und verärgert auf den Bossfight auf dem Bildschirm blickte, welchen er und seine Freunde im Begriff waren zu verlieren. Martas bloße Existenz war ihm gerade ein Dorn im Auge.

„Papa ist da“

„Ach ja? Und was geht mich das an?“

„Er ist schon wieder am Austicken, ich wollte nur wissen, ob bei dir wenigstens alles ok ist“

„Was ist hier los?! Warum liegt hier eine Flasche auf dem Boden?“

Sie waren unvorsichtig gewesen, alle beide. Niemand hatte bemerkt, wie ihr Vater beim Knall der aufprallenden Wasserflasche seine Hasspredigt stoppte und mit gespitzten Ohren das restliche Treiben in der Wohnung belauschte.

„Was macht ihr hier? Warum liegt die Flasche da? Warum lernst du nicht? Und warum schreist du deinen Bruder an?“

Marta wusste mittlerweile, dass diese Fragen nicht gestellt wurden um Antworten darauf zu erhalten. Sie waren Vorwürfe. Demonstrationen von Macht. Wann sie in dieser Familie das letzte Mal ernsthaft etwas gefragt wurde wusste sie nicht mehr. Sollte sie trotzdem antworten? Oder direkt kuschen und demütig um Verzeihung bitten?

„Mattu hat die Flasche nach mir geworfen, darum liegt sie da.“ Ihr war heute nicht danach sich für etwas zu entschuldigen, wofür sie keine Reue verspürte. Sie sorgte sich um das Wohl ihres Bruders, daran war nichts falsch.

„Weil du einfach hier reingeplatzt bist!“ Ihr Bruder ist echt ein blinder, unsensibler Idiot.

„Ruhe jetzt!“

Mit seinem letzten Ausruf packte ihr Vater Marta unsanft am Arm, löste dabei einige Nähte ihrer grauen Kapuzenjacke und zerrte sie den Flur hinunter in ihr Zimmer, warf sie hinein und baute sich vor ihr auf. Was danach folgte, sollte sie Respekt lehren. Dass sie auf ihren Bruder zu hören hatte, weil er der Mann sei. Dass sie ihrem Vater gegenüber nicht einfach den Mund aufreißen sollte, sie hätte schließlich kein Recht dazu, oder geht sie jeden Tag für zehn Stunden aus dem Haus um das Geld nach Hause zu bringen? Ihre Mutter sei genau so unverschämt aber wenigstens steht das Essen auf dem Tisch. Es wäre alles einfacher, wenn man sie damals einfach beim Onkel in Polen gelassen hätte.

Marta wusste nicht, wie ihre brennenden Wangen ihr Respekt lehren sollten. Wie sie mit verweinten Augen und Piepen im Ohr den Worten ihres Vaters überhaupt folgen sollte. Geschweige denn in den Momenten, wenn die Hand direkt auf die Ohrmuschel traf. Ja wieso hatten sie sie denn nicht einfach beim Onkel gelassen, wenn sie doch so unerwünscht war? Dann müsste sie diese Situation nicht erleben, den Schmerz nicht ertragen. So fühlt es sich also an. Ihr linkes Auge wurde immer schmaler, das Blut sammelte sich und ließ ihr Augenlid anschwellen. Geistesabwesend zogen ihre Hände an den Zotteln ihres orangefarbenen Zimmerteppichs. Das hier passierte nicht wirklich, sowas passiert immer nur anderen. Sie traute sich nicht laut zu weinen, aus Angst, dass dies ein neuer Anlass für ihren Vater wäre in ihr Zimmer zu kommen. Er war wutentbrannt aus der Tür gestampft, brüllte etwas Unverständliches in den Rest der Wohnung und war danach aus Martas Wahrnehmung verschwunden. Warum kam den niemand um nach ihr zu sehen? Hat das wirklich niemand mitbekommen, nicht einmal ihre Mutter? Hat sie das wirklich verdient?

In dieser Nacht konnte sie nicht gut schlafen, obwohl sie vollkommen erschöpft war. In der darauffolgenden Nacht wurde ihr Schlaf von Schreien unterbrochen. Schreien aus dem Schlafzimmer. Schreie ihrer Mutter. Es sollten noch viele Nächte folgen, in denen Marta den Schlägen ihres Vaters ausgesetzt war und noch viele weitere, in denen sie sich zwischen ihn und ihre Mutter warf, um sie zu beschützen.

Das alles, während ihr Bruder mit Kopfhörern auf den Ohren vorm PC saß und nix mitbekam.

___

Niemand hat es verdient körperlich oder geistig misshandelt zu werden. Niemand. Ohne Ausnahme.

Jedoch gibt es Situationen, in denen es vollkommen logisch erscheint, dieser Qual ausgesetzt zu sein. Aber sowas passiert nicht von heute auf morgen. So etwas geschieht über einen langen Zeitraum, wenn das Selbstbewusstsein eines Menschen bereits eingestampft wurde oder es sich vielleicht nie bilden konnte. Kinder, die die bedingungslose Liebe ihrer Eltern nicht erfahren, suchen die Schuld bei sich selbst. Strafen, Missachtung und eben auch Gewalt sind so logisch erklärbar. Und werden zur Normalität.

Wollte ich mit dieser Geschichte auf häusliche Gewalt aufmerksam machen? Auf die Folgen von zu viel PC Konsum oder gar Werbung für ein besonders schalldämmendes Paar Kopfhörer machen? Nichts von alledem, außer vielleicht das erste ein bisschen. Ich wollte dich, lieber Leser, in eine schier ausweglose Situation schicken. Dich mit Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit und einer Fahrt in dunkle Zeiten konfrontieren. Dir zeigen, wie scheiße Menschen zueinander sein können. Wie scheiße Eltern zu ihren Kindern sein können.

Vielleicht erlebst du gerade etwas Ähnliches oder stammst aus einer ähnlichen Situation. Dann möchte ihr dir zuerst sagen, wie leid es mir für dich tut. Du hast die Liebe deiner Eltern bedingungslos verdient, das darfst du bitte niemals vergessen. Wenn sie dir diese Liebe nicht geben oder verweigern, hat das nichts mit dir zutun. Das Gleiche gilt auch für längst erwachsene und selbstständige Kinder: auch ihr habt immer noch die Liebe eurer Eltern verdient, das hört nicht auf, bloß, weil ihr ein eigenes Leben führt.

Vielleicht genießt du aber auch gerade dein Dessert aus dem Thermomix, welchen dir deine Eltern zum Auszug geschenkt haben. Oder isst gerade die Reste vom gestrigen gemeinsamen Mittagessen. Möglicherweise vertreibst du auch gerade deine Langweile beim Familiengeburtstag. Du hast etwas, worum dich viele beneiden: den Rückhalt deiner Eltern, ein Sicherheitsnetz unter dir, Hände, die dir immer aufhelfen werden. Eltern können stressig sein, dich nerven und manchmal nicht verstehen. Aber solange ihr miteinander reden könnt, und eure Streitigkeiten aus der Welt schafft, ist alles in Ordnung. Sei dankbar dafür, auch wenn es eigentlich selbstverständlich für dich ist.

„So schlimm sind deine Eltern doch gar nicht, ist ja nicht so, als würden sie dich schlagen“

Misshandlungen und Gewalt finden nicht nur auf physischer Ebene statt Visit Website. Auf psychischer Ebene ist es nur nicht so leicht zu erkennen, dass da gerade etwas verkehrt läuft. Psychische Misshandlungen sind das Produkt jahrelanger schädlicher Sozialisation und dadurch für den „Anwender“ etwas, was man eben schon immer so macht. Wer nicht hinterfragt, was er aus welchen Gründen tut, wird sein Fehlverhalten gegenüber seinen Kindern nicht erkennen. In der Geschichte ist nur Marta die Leidtragende, ihr Bruder wird nicht angerührt. Die Schläge des Vaters machen die Schwere der Situation um einiges deutlicher, aber ohne sie wäre Marta genauso misshandelt worden. Sie hätte genauso jeden Tag erfahren müssen, wie ungewollt sie war und weniger wert als ihr Bruder. Das sind ebenfalls schlimme Schmerzen.

Und auch Jahre später haben die Erfahrungen aus der Kindheit Einfluss auf das Hier und Jetzt. Aber es liegt immer in unseren Händen dies zu erkennen und zu beseitigen. Ganz unbeschadet wird Marta wahrscheinlich nicht aus dieser Geschichte herauskommen. Vielleicht wird es ihr noch viele, viele Jahre so ergehen. Oder sie packt irgendwann ihr Leben am Kragen, zieht es aus diesem Sumpf und baut sich etwas Neues auf. Ersteres ist einfach, letzteres erfordert sehr viel Kraft und Mut. Doch beides steckt in jedem von uns.

Und am Ende lohnt es sich immer für ein besseres Leben zu kämpfen.

Vielen Dank fürs Lesen!

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