Wir warten darauf, endlich im Hier und Jetzt leben zu können

Wir warten darauf, endlich im Hier und Jetzt leben zu können

Als wir noch Kinder und Jugendliche waren, mussten wir uns nicht anstrengen um völlig präsent zu sein, wir waren es einfach. Sich stundenlang nur mit Eimer und Schaufel ausgestattet am Strand im Sand zu vergnügen, ist für die meisten Kinder selbstverständlich. Dabei verging die Zeit wie im Flug und dennoch hielt der Moment ewig an. Wir bemerkten nicht, wie unsere Mütter uns zu sich unter die Sonnenschirme riefen, weil wir schon zu lang in der Sonne waren. Wir bemerkten nicht, wie unsere Hände und Füße durch den nassen Sand und das Wasser immer schrumpeliger wurden. Wir bemerkten nicht, dass wir vollkommen bei uns waren.

Länger am Leben = mehr gelebt?

Je älter wir werden desto mehr Erfahrungen haben sich ihren Weg in unser Langzeitgedächtnis gebahnt. Aufgrund dieser Erfahrungen und Erinnerungen bewerten wir jeden Tag in jeder Sekunde die uns vorliegende Situation. Dies ist auch gut so, denn sonst würden wir uns jedes Mal vor Autos erschrecken oder uns wundern, dass es abends dunkel wird. Oder stell dir vor, du müsstest jedes Mal aufs Neue überlegen, wie man sich in einer Supermarktschlange verhält, ein Auto tankt oder die Toilettenspülung betätigt. Doch die Sache hat auch eine negative Seite: wir tun etwas nicht mehr bewusst, sondern schalten auf Autopilot.

Ist es dir auch schon einmal passiert, dass du mit dem Auto unterwegs warst oder zu Fuß, und du gar nicht bemerkt hast, wie du die Ausfahrt oder den Bäcker bereits verpasst hast? Oder die Klassiker: Hab ich das Auto abgeschlossen? Hab ich den Herd ausgemacht? Und bei mir eher: Ist das Glätteisen noch angeschlossen? Hab ich die Steckerleiste ausgeknipst?

Und wie oft kamst du dir verdammt bescheuert vor, die Antwort darauf nicht zu wissen? Mach dich nicht fertig, das ist total normal. Denn Dinge, die wir zum 5000sten Mal erleben, sind einfach nicht mehr spannend genug um wirklich bewusst wahrgenommen zu werden. Im Kindergarten, in der Grundschule oder in der Teenie-Zeit ist alles neu und aufregend. Dann, ab ca. 20 Jahren, besteht unser Alltag oft nur noch aus einer Aneinanderreihung von bereits im Langzeitgedächtnis abgespeicherten Elementen. Und so unbewusst dein Gehirn dann auf diese Information zurückgreift – weil es einfach energiesparend ist – so unbewusst lebst du dann auch in den Tag hinein.

Was hat das jetzt mit Warten zu tun?

Als Kind wartet man darauf Erwachsen zu sein und fertig mit der Schule. Als Erwachsener wartet man auf einen besseren Job, eine Familie oder ein Haus. Später dann auf die Rente und irgendwann nur noch auf den Tod. Wir warten und leben gar nicht, denn wir denken, dass erst XY eintreten muss, damit wir wieder völlig präsent sein können.

Mein Teenie-Ich dachte ich zum Beispiel, dass ich mich erst richtig wohl in meiner Haut fühlen kann, wenn mein Körper auf eine bestimmte Art und Weise aussieht. Guess what – ich trainierte mir den Körper an, den ich wollte, und fühlte mich ziemlich genau so unwohl wie davor find more. Das war für mich ein wichtiger Moment um zu begreifen, dass das Erreichen von Zielen allein nicht glücklich macht.

Doch wieso denken wir überhaupt, dass erst etwas passieren muss, damit alles besser wird? Warum warten wir geduldig?

Weil wir das meistens als Kinder gelernt haben. Wie ich bereits sagte, können Kinder es kaum abwarten, endlich erwachsen zu sein. Damit sie dann tun und lassen können was sie wollen. Mama und Papa haben das ja schließlich oft genug so gesagt. Dieser Gedanke ist über die ganzen Jahre in unser Langzeitgedächtnis gewandert und wird in adäquaten Situationen unbewusst zur Bewertung derer herangezogen. Zum Beispiel, wenn wir nach einem Grund für unsere schlechte Laune und Unzufriedenheit suchen.

Übrigens verhält es sich genau so mit anderen ungesunden Denkmustern. Da haben wir zum Beispiel nur lang genug zu hören bekommen: „Wenn du dies…, dann das…“ Hier kann man jetzt beliebiges einfügen, wie „lieb bist“ und „bekommst du Schokolade“, oder „nicht sofort aufhörst“ und „ruf ich deine Eltern an“. Daraus entwickeln sich People-Pleaser, Arschkriecher, Lügner oder Menschen, die einfach gar nichts mehr machen, denn dann kann man nichts falsch machen.

Vielleicht steckst du in ähnlichen Gedanken fest. Viele denken, dass sie erst mit dem richtigen Partner an ihrer Seite gut leben können. Über diese falsche Annahme wurde schon viel geschrieben, hier verlinke ich mal einen Artikel dazu. Soviel sei dazu aber hier gesagt: niemand ist für dein Glück verantwortlich, außer dir selbst.

Merkst du überhaupt noch, wie Kaffee eigentlich schmeckt?

Wir leben nicht bewusst. Verpassen das Schöne im Leben. Sehen unser Glück nicht. Nehmen Chancen nicht wahr. Verlieren großartige Menschen oder finden sie nie.

Die Lösung ist Achtsamkeit.

Es ist anstrengend am Anfang, aber es lohnt sich. Bewusst den Kaffee am Morgen trinken, statt ihn einfach nur runterzukippen. Sport, vor allem Yoga, ist ebenfalls gut, um Achtsamkeit zu üben. Was du jetzt sofort tun kannst, egal wo du gerade bist: 10 bewusste Atemzüge. Du atmest tief ein – 1 ein – atmest langsam wieder aus – 1 aus – und wieder ein – 2 ein – und wieder aus – 2 aus. Mach das jetzt so lang, bis du bei „10 aus“ angekommen bist. Diese kurze Sache holt dich ins Hier und Jetzt, kann depressive Gedanken anhalten, Ärger vertreiben und die Stimmung heben. Genügend Gründe, um es einfach mal zu tun, oder?

Wenn du dich in einer Innenstadt aufhältst – einer grauen Masse – halte nach Flora und Fauna Ausschau und betrachte diesen Kontrast bewusst. Graue Tauben zählen nicht, denn die sind mehr Stadt als Natur, wenn wir mal ehrlich sind… Aber: das Rascheln der Bäume im Wind. Der Duft der Blüten vermischt mit frisch aufgebrühtem Kaffee. Summende Wespen inmitten lautem Geplapper.

Und was ganz wichtig ist:

Bewusst leben bedeutet, sich seiner Sterblichkeit bewusst zu sein.

Denn das Leben hat es so an sich, dass es irgendwann vorbei ist. Und dennoch vergeuden wir unsere Zeit mit Warten. Statt einfach das zu tun, was wir wollen. „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ ist eine abgedroschene Lebensweisheit, doch sie will uns überhaupt nicht sagen, dass wir jetzt all unser Geld ausgeben und auf Halli Galli machen sollen. Sie macht uns nur klar, dass wir niemals wissen können, wie viel Zeit wir noch haben. Gibt es nicht ein paar Dinge, die du noch gern tun würdest, bevor du nicht mehr bist?

Warte nicht – lebe jetzt.

 

 

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Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Jenny,
    danke für diesen Artikel.
    Ich finde, je bewusster wir leben, desto mehr steigt unsere Lebensqualität. Vielleicht ist genau das was die Menschheit derzeit braucht. Mehr Bewusstsein im JETZT.
    Dein Artikel gefällt mir sehr gut 😉

    Antworten

    • Hallo Christian,

      unsere Gesellschaft kann das sehr gut gebrauchen, wenn ich mir die heutigen Abiturienten anschaue, die ihr Leben schon komplett durchgeplant haben und kaum noch Freizeit haben… das muss gestoppt werden.

      Liebe Grüße, Jenny

      Antworten

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