1-Sterne-Rezension Depressionen

1-Sterne-Rezension zu: Depressionen (ein Erfahrungsbericht)

Es folgt ein wertender Erfahrungsbericht zum Thema Depressionen:

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Vorab ein Auszug:

Nach drei oder vier Wochen kann ich endlich wieder lächeln. Aufatmen nach einem langen Tauchgang. Die Augen öffnen nach einer Reise durch einen Sandsturm. Die Mütze absetzen nach einem Tag im Schnee.

Energie fließt durch meine Glieder, in meinem Kopf entstehen Ideen. Ideen, wie ich den Tag verbringen könnte. Ideen, wie ich das erledigen könnte, was zu erledigen ist.

Morgens wach werden. Allein die Augen zu öffnen ist anstrengend. Den Wecker am Fußende des Bettes erreichen – eine schier unüberwindbare Distanz die den Einsatz der Bauchmuskeln fordert.

„Welcher Tag ist heute? Warum bin ich wach?“

Erst die Antwort auf diese Fragen bringt Sinn in diesen elenden Zustand des Wachseins. Zur Uni fahren, Arbeiten, eine Verabredung einhalten – ja, das muss getan werden, dafür sollte man aufstehen.

Ich sitze auf der Kante meines Bettes. Die Hände in den Kopf gestützt – nein, andersrum – und denke nach. Und eigentlich auch nicht. Im Grunde verfluche ich einfach, dass ich wach bin, dass ich überhaupt denken muss. Dass ich überhaupt etwas wahrnehme und mir bewusst bin. Bewusst, was um mich herum geschieht. Bewusst, was in mir geschieht.

Ich sitze auf der Kante meines Bettes. Die Knie zur Brust herangezogen und starre auf mein Handy. Vielleicht ist irgendetwas passiert, das meine Laune hebt. Das mir vielleicht noch einen Grund gibt, diesen Tag ebenfalls zu durchkämpfen. Twitter auf – Twitter zu. Ich selbst kann nichts twittern. Und schon fühle ich mich noch schlechter.

Nach 5 Minuten sitze ich immer noch auf der Bettkante. Es fühlt sich an, als säße ich dort schon ewig und gleichzeitig erst seit kurzem.

Magenschmerzen so wie immer. Frühstück? Wäre besser. Ist noch Schokolade da? Seit Tagen schmecken mir nur noch Süßigkeiten. Oder Pizza. Mit schmerzenden Gliedmaßen, aufgeblähtem Bauch und Füßen so schwer wie drei Kästen Wasser überzeuge ich meinen Körper davon sich in die Küche zu begeben. Und bleibe vor dem Toaster stehen. Und stehe. Stehe. Und überlege, ob ich wirklich einen Teller brauche. Ob ich das Essen vielleicht nicht ganz lassen sollte.

Die Depression beherrscht mich. Sie ist vollkommen außer Kontrolle. Sie ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Dachte ich so manches Mal noch, dass sie mir einen anderen Standpunkt anbietet von dem aus ich das Leben betrachten kann, hat sie sich jetzt komplett über meine Seele hergemacht und frisst mich auf. Es ist ein Kampf, den ich jeden Tag bestreiten muss. Hätte ich eine Wahl, ich würde diesem Monster nicht die Tür öffnen.

Und dann ist es so, dass es dir eigentlich gut geht. Du hast alles erledigt, sogar den riesen Berg an Klausuren hinter dir und damit den noch größeren Berg an Wissen erklommen und bist galant darauf ins Tal gerutscht – und dennoch fühlst du dich leer. Du hast dich seit Tagen auf diesen Moment gefreut, dann ist er da und von der anfänglichen Euphorie ist nicht mehr als ein kleines Staubkorn übriggeblieben, das du betrübt anstarrst und versuchst dir vorzustellen, wie es noch anfangs aussah bzw. wie es sich anfangs angefühlt hat. Eine gewisse Ruhe ist in dir eingekehrt, du schaust einen guten Anime – und dennoch fühlst du dich leer.

Du überlegst was du noch tun könntest, gehst deine Optionen durch, dir steht alles offen. Aber nichts. Rein gar nichts erfüllt dich. Nichts würde dir Spaß machen. Und wozu sollst du etwas tun, nur um es zu tun?

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Nachdem ich mich schon länger und auch intensiver mit Depressionen beschäftigt habe, muss ich sagen, dass ich noch nicht weiß, welchen Sinn dieses ständige Auf und Ab in der Storyline hat. Ich mein, Spannung und Abwechslung sind zwar super, aber es ist so redundant. Immer wieder die gleichen Gedankengänge und vor allem so sinnlose, die überhaupt kein Ergebnis hervorbringen können. Die Monologe wiederholen sich oder verlaufen kreuz und quer, dass man ihnen nicht folgen kann.

Vielleicht stellt der Wechsel vom Ich-Erzähler hin zur persönlichen Anrede das Sprunghafte dieser Depressionen ganz gut dar. Doch ist es anstrengend, auf das Ressourcen-Problem werde ich später noch eingehen. Das macht die Handhabung nur noch schwieriger.

Ich hätte mir bei der Auslieferung von Depressionen auch ein Handbuch dazu gewünscht, eine Bedienungsanleitung oder zumindest ein paar Informationen. Man wird komplett allein gelassen, fühlt sich hilflos und muss sich im Dschungel der neuen Eindrücke irgendwie zurechtfinden, wenn man das überhaupt schafft. Dank des Internets hat man allerdings Möglichkeiten, vorausgesetzt, die Depressionen verweigern nicht den Zugriff darauf – alles schon passiert.

Der generelle Support bei Problemen mit der Depression lässt ziemlich zu wünschen übrig. Zwar gibt es einige Anlaufstellen, sogenannte Psychologen, Psychiater oder Neurologen, aber bis man da mal drankommt, ist das Problem noch viel größer als vorher, man hat zusätzliche dazubekommen, die einen verhindern die Experten aufzusuchen oder es hat sich scheinbar in Luft aufgelöst. Sitzt man dann doch mal vor so jemandem, so heißt das noch lange nicht, dass er auch helfen kann. Es warten eine Reihe von Tests und Experimente, Erfolg ungewiss.

Weil das Problem mit den langen Wartezeiten bekannt ist, verweist man gern auf Freunde und Familie. Pech für den, der beides nicht hat, oder die Qualität von beidem nicht ausreicht, um mit den Problemen fertig zu werden. Oft ist es sogar so, dass sie noch mehr Schaden anrichten. Wenn sie nicht sogar diejenigen waren, die einem die Depression überhaupt erst angedreht haben.

Wie bereits angeschnitten ist diese Depression ein echter Ressourcen-Fresser. Noch bevor das eigene Betriebssystem richtig gebootet ist, hat sie schon sämtliche Kapazitäten eingenommen und fast verbraucht. Fast überflüssig hier zu erwähnen, dass andere Anwendungen gar nicht erst starten können. Dies wirkt sich negativ auf weitere Prozesse aus, wenn grundlegende Funktionen wie Lebensfreude, Motivation und ein klarer Kopf nicht laufen. Und immer ist der Akku leer, ständig muss man aufladen oder hängt an irgendeiner Energiequelle fest. Manchmal ist es so schlimm, dass der Energiespeicher tiefenentladen ist und für eine lange Zeit überhaupt nichts geht.

Fazit:

Ich kann diese Depression im Grunde überhaupt nicht weiterempfehlen. Sie nervt, stört, ist ärgerlich und ätzend. Außerdem bringt sie nur Probleme, oft auch finanzieller Art. In der Gesellschaft findet man selten Verständnis oder oft vorgetäuschtes, sodass man zum Außenseiter werden kann oder überhaupt keinen Anschluss mehr findet.

Jeder, der sich ebenfalls damit rumplagen muss, tut mir leid. Du bist damit nicht allein.

Aber es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer: Depressionen können hervorragende Lehrmeister sein – wenn sie einen gerade nicht bis zur Bewusstlosigkeit prügeln. Sie errichten einen Zugang zu den eigenen Gefühlen und helfen, diese besser zu verstehen oder sie überhaupt erst wahrzunehmen. Außerdem zeigen sie die Tiefe des eigenen Selbst sehr gut auf, sodass man sich selbst besser kennenlernt und somit auch in der Zukunft besser auf sich Acht geben kann.

Heute mal keine Fragen unter dem Post. Jeder, der etwas dazu sagen möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Ich lese gerne auch deine Auszüge.

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Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Jenny, Jenny , Jenny ..
    Depressionen sind sau ätzend. Es tut mir leid, dass du dich so fühlst, diese Leere , diese Sinnlosigkeit. Hoffe , dieser *virtual hug* erhellt deine Sichtweise.
    Motivation ist mein Job.

    LG Feliciano aka Feli

    Antworten

    • Hallo Feli,

      vielen Dank für deinen „virutual hug“ 😀
      Motivation ist dein Job?

      Liebe Grüße,

      Jenny

      Antworten

  2. Wieder sehr eindringliche, unter die Haut gehende Worte von Dir. Mehr kann und möchte ich an dieser Stelle gar nicht sagen.

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