Erschöpfung: Einer geht noch!

Erschöpfung: Einer geht noch!

„Einer geht noch! Einer geht noch rein!“ – Hört man solche und ähnliche Fangesänge momentan vielleicht zur Fußball EM, erklingt dieser Motivationsschrei in regelmäßigen Abständen in meinem Kopf.

Ein Tag hat 24 Stunden, eine Woche 7 Tage. Ein Blick auf meine Ziele für die nächste Zeit macht deutlich, dass dies nicht reichen wird. Schon wieder 100 Seiten Lesepensum für das Studium, dann das Nacharbeiten der Vorlesungen. 15 Stunden wollen auch noch auf der Arbeit verbracht werden. Gesund ist mein Schlaf erst bei 8 Stunden, die tägliche Anreise kostet mich weitere 2. Freundin Nummer 1 auf einen Kaffee treffen, mit Freundin Nummer 2 einen Ausflug am Wochenende machen. Hab ich eigentlich schon den Schreibkram aufgelistet und erwähnt, dass mein Wagen zum TÜV muss?

To-Do-Liste des Todes

Zugegeben, die Bezeichnung ist übertrieben. Allerdings schreibe ich die so oft verfluchten To-Do-Listen ziemlich gern, da ich sonst den Überblick über meine Pläne, Aufgaben und Ziele verliere und ohne sie niederzuschreiben auch nicht gut koordinieren könnte, wann ich was erledigen sollte damit es rechtzeitig klappt.

Platon verfluchte die Erfindung der Schrift, da er damit die Verdummung der Menschheit kommen sah. Wenn man sich alles aufschreiben kann, dann muss man nichts mehr im Kopf behalten. Vielleicht hatte er Recht. Wie oft habe ich mich selbst oder andere dabei erwischt, wie die simpelsten der simplen Sachen vergessen wurden: welcher Tag heute ist, wann man Geburtstag hat oder wie das Wort XY buchstabiert wird obwohl man es täglich benutzt.

Der Kopf ist voll, das Smartphone voller

Mit der Schrift konnten die Menschen komplexe Sachverhalte notieren und viel einfacher weiterentwickeln – der Grundstein für den Fortschritt. Über 2000 Jahre später haben wir ein ausgeklügeltes System geschaffen, mit welchem es uns möglich ist unsere Gehirnkapazitäten auf äußere Medien zu übertragen. Mit dem Smartphone haben wir wahrhaftig ein ausgelagertes Gehirn geschaffen: mit Augen, Ohren, einer Stimme, Erinnerungsfunktion und vielem mehr.

Davon abgesehen besuchte jeder von uns in der westlichen Welt eine Grundschule, sowie eine weiterbildende Schule. Dieses Wissen steckt in uns drin und wird täglich verarbeitet, obwohl wir es nicht merken. Täglich kommt neues Wissen hinzu – aus dem Umfeld, den Medien, der Uni, der Arbeit. Auch dieses wird unbewusst kategorisiert und abgeheftet. Einiges landet auch auf der Ablage in Reichweite.

Plattpfirsiche

Schon einmal einen Plattpfirsich gegessen? Falls nicht: das sind normale Pfirsiche mit weißem Fleisch, die aussehen, als hätte man sie zusammengepresst. Genauso fühle ich mich im Moment.

Vorher war ich in normaler Form, jetzt farblos und platt. Und wer ist schuld? Ich allein.

Einer geht noch? Wohl eher nicht…

Was das Erreichen meiner Ziele betrifft bin ich mein größter Fan und stehe regelmäßig grölend und mit wehender Flagge in der Fankurve. „Einer geht noch!“ ist dabei mein Lieblingszuspruch, denn: ich will Leistung sehen!

Es gibt einfach Dinge, die man selbst erledigen muss. Die lassen sich nicht delegieren oder ignorieren. Sobald sich diese mehren, gibt es viele, die dafür ihre Freizeit, Hobbies oder Leidenschaften opfern. Da letzteres für mich nicht mehr infrage kommt, stopfe ich alles in einen großen Sack, den ich täglich mit mir herumtrage. Zusätzlich zu dem oben erwähnten vollen Kopf und noch vollerem Smartphone zoloft 50 mg.

Entspannung will gelernt sein

In meinem Terminplaner und auf meinen To-Do-Listen stehen sogar die Punkte Sport, Yoga und Lesen. Ja, alles lässt sich durchaus zur Lebensstiloptimierung hinzuzählen und sind daher auch ernstzunehmende Aufgaben die man als solche betrachten kann. Dumm nur, wenn man dabei vergisst sich zu entspannen.

So sehr einen Arbeit und Tätigkeiten erfüllen können, so sehr darf nicht vergessen werden, dass sie an unseren Kräften zehren. Spaß, Freude und Zufriedenheit während des Vorgangs – lähmende Erschöpfung danach. Auf Dauer ist das nicht gesund und man bricht zusammen.

Schnellen Schrittes schnell erschöpft

Hast du dich vielleicht auch einmal dabei ertappt, wie du gar nicht mehr bemerkt hast was du da eigentlich genau tust, weil du so schnell und routiniert vorgegangen bist? Ich habe festgestellt, dass so ein Verhalten sehr gefährlich sein kann, wenn es zur Gewohnheit wird. Alles verschwimmt, es gibt keine klaren Linien mehr und alles passiert irgendwie, ohne, dass ich es wirklich verarbeiten kann. Was sich in durchkämpften Nächten äußert.

Zugleich bewege ich mich mit erhöhter Geschwindigkeit – ich erinnere hier an die Gegenüberstellung von verfügbarer Zeit und zu erledigenden Aufgaben – um alles zu packen. Ich will stolz auf mich sein können, weil ich das Pensum bewältigen konnte. Zwischendurch die Freunde sehen, ein paar Zeilen lesen und alles ist gut.

Schlaf als wichtigste Quelle

Wenn der Tag so vorbeifliegt nutzt das Gehirn die Ruhephasen um das Erlebte zu verarbeiten. Das heißt, sobald das Licht aus ist und die Decke überm Kopf, den Schlaf erwartend. Mit oder ohne Gedankenkreisen wälzen wir uns hin und her. 23 Uhr, 0 Uhr, 0.30 Uhr. Mist, in unter 6 Stunden geht der Wecker…

Die einzige Lösung: den Tag verarbeiten, während er geschieht! Bewusst handeln, bewusst wahrnehmen. Einen Schritt langsamer gehen. Nur mit einer Sache beschäftigen, statt mit mehreren gleichzeitig.

Aber das ist doch kalter Kaffee!

Bäh, ich bevorzuge frischen und heißen Kaffee, du auch? Jedenfalls wissen viele Menschen um diese Dinge und dennoch funktioniert es nicht immer sie auch so durchzuführen. Wir beirren uns selbst, werden vom allgemeinen Geschehen beeinflusst oder stehen vor einer neuen und unerwarteten Herausforderung. Viele Faktoren lenken uns vom „rechten Weg“ ab.

An dieser Stelle plädiere ich für mehr Muße! Einfach sein und geschehen lassen. Auch mal dem inneren Perfektionisten und Ehrgeiz die Bratpfanne vor den Schädel hauen, damit Ruhe herrscht. Oder sich selbst, dann herrscht bestimmt auch Ruhe für eine gewisse Zeit.

 

Passend zum Schlusswort habe ich bei myMONK einen Artikel von Tim mit dem Titel „Stille ist viel wichtiger für Dein Gehirn als Du denkst“ gefunden, den ich dir abschließend ans Herz legen will.

Was machst du, wenn du zu viel zu tun und zu wenig Zeit hast? Hat dich eine Erschöpfung schon einmal völlig lahmgelegt? Ich freue mich über deinen Kommentar!

 

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Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Hey Jenny,

    Danke für Deinen schönen Text und die myMONK-Empfehlung, das freut mich!

    Eine gute neue Woche Dir.

    Tim

    Antworten

    • Hey Tim,

      vielen Dank für deinen Kommentar und die gute Woche wünsche ich dir ebenfalls!

      Antworten

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